Mamma Mia

Freitag, 7. Juni 2019

Eigentlich wollte ich schon lange mal über meine Arbeit hier schreiben, aber wenn ich ein bisschen Zeit für ein paar Zeilen finde, fällt mir sicher etwas ein, was ich auch dringend berichten muss.

Gestern war so ein Tag:

Vor kurzem hat mir der Boss einer Firma erzählt, dass eine Putzfrau bei ihm monatlich 1000 Birr- umgerechnet ca. 31€- bekommt. Ich geh in der Früh immer in die franz. Bäckerei neben der Schule und leiste mir einen Espresso und ein Croissant dazu. Das kostet 65 Birr, oder mit anderen Worten hätte eine äthiopische Putzfrau, würde auch sie wie ich am Morgen kurz in der Bäckerei vorbeischauen, am 15. jedes Monats schon ihr ganzes Gehalt in der Bäckerei ausgegeben. Solche Dinge machen mich nachdenklich. Am Vormittag ein Besuch bei der ICS, der internationalen Schule in Addis, wo wir uns den Campus anschauen dürfen. Das Schulgeld dort beträgt 25.000 Dollar pro Jahr, das sind 721.000 Birr oder soviel, dass die äthiopische Putzfrau dafür 60 Jahre arbeiten müsste! Die Unterschiede hier sind echt krass!

Auf der Fahrt zurück im Minibus stecken wir im Stau und an einer Kreuzung sehe ich Menschen, die ihre von Lepra zerstellten Gliedmaßen als ihr einziges Kapital zur Schau stellen, um im Ranking derer, die gar nichts haben, wenigstens mit einem Mitleidseffekt spekulieren zu können. Ich fühle mich überfordert und bin froh, das Geschehen nicht unmittelbar, sondern durch die Scheibe des Busses verfolgen zu können.

Wieder zurück freue ich mich auf ein Abendessen mit den Fröschels, die mir die ersten 3 Wochen hier ihr Haus gratis überlassen haben. Ich hab sie eingeladen und wir gehen ins Mamma Mia, ein feines italienisches Restaurant, wo ich für das gemeinsame Abendessen 3 Monatsgehälter der Putzfrau ausgegeben habe...

Man erlebt hier so viele Gegensätze in kurzer Zeit und an einem Ort, dass es oft überwältigend ist, doch eigentlich ist es nicht anders als auch zuhause. Der Bildschirm dort schafft allerdings eine Distanz zu den Realitäten, die es mir leicht macht, mich nicht so direkt betroffen zu fühlen. Hier fällt das weg!

Nach dem Abendessen bin ich dann noch umgezogen...