everything...

Freitag, 10. Mai 2019

Vis-a-vis vom Schuleingang gibt es eine französische Bäckerei und die ist überraschend gut. Jeden Morgen, bevor ich um halb acht anfange zu arbeiten, komme ich vorbei und genieße meinen Espresso.

Es gibt dort eine äthiopische Verkäuferin wie man sie sich wünscht, zumindest als Kunde, wohl auch als Arbeitgeber. Sie ist sehr kommunikativ und falls nicht zuviel Kunden da sind oder grad wieder mal alles stillsteht, weil der Strom ausgefallen ist, nimmt sie sich gerne ein bisschen Zeit für smalltalk.

Letzte Woche irgendwann hat sie mich auf die Frage, ob es ihr gut gehe, nur traurig angeschaut. Ob sie etwas in ihrem Leben ändern wolle, habe ich sie gefragt und sie hat gemeint „everything, simply everything“! Ich hab sie dann gefragt, womit sie heute beginnen wolle, ihr Leben zu ändern aber sie hat nur mit der Achsel gezuckt. Gut, hab ich gemeint, dann sag mir einfach morgen, was du schon geändert hast.

2 Tage später was sie spurlos verschwunden und meine Kollegin hat vom Bäcker erfahren, dass sie Hals über Kopf nach Dubai gegangen sei! Ich hatte fast ein schlechtes Gewissen, weil ich meinen Vorschlag, unverzüglich mit dem Ändern der Lebensumstände zu beginnen, nicht ganz so ernst gemeint habe. Dazu muss man wissen, dass die Gastarbeiter in Dubai oft in sklavenähnlichen Zuständen „gehalten“ werden und aus dem vermeintlich gelobten Land schnell eine Hölle werden kann.

Eine knappe Woche später war sie wieder da und in der Zwischenzeit war folgendes passiert: Ein Schlepper hat mehreren jungen Frauen angeboten, sie nach Dubai zu bringen und ihnen dort eine tolle Arbeit versprochen. Dazu hat er ihnen natürlich reichlich Geld abgenommen und sie wie vereinbart zum Flughafen in Addis gebracht. Dort angekommen hat er sich aus dem Staub gemacht, es gab weder ein Flugticket, noch einen Job in Dubai und es gab auch keine Ersparnisse mehr.

Jetzt ist sie wieder in der Bäckerei und froh darüber, den alten Job wieder bekommen zu haben.